Ein Tag in Mitholz

Mitholz ist ein Dorf zwischen Frutigen und Kandersteg. Es liegt an der Strassen-und Bahnstrecke, über die die Hälfte der Waren transportiert werden, die in der Schweiz jährlich die Alpen überqueren. Im Fels beim Dorf wurde während des Zweiten Weltkriegs ein riesiges Munitionslager gebaut. Es müssen hektische Umstände geherrscht haben, anders lässt es sich nicht erklären, weshalb in ein instabiles Felsgefüge explosives Material gelagert wurde, mit Stollen, die aufs Dorf ausgerichtet sind. Und so – als es dann 1947 zum Explosionsunfall kam – schossen wie aus einem Kanonenrohr Fels und Bomben aufs Dorf und durchs Tal. Neun Personen starben. Noch heute findet man bis nach Blausee Munition und Trümmermaterial. Ein Bauer, der auf der Alp oben auf der Flue war an diesem Abend, und aufs Dorf runter schaute, musste dabei zusehen, wie das Haus mit seinen Kindern weggeblasen wurde.

Diesen Beitrag habe ich für den BärnerBär geschrieben, wo ich meine Gedanken seit 2017 zuerst als Stadträtin dann als Nationalrätin regelmässig als Kolumne veröffentlichen darf. Hier findest du weitere Kolumnen.

Während Jahrzehnten wollte niemand den Fels anfassen. Aber die restlichen verbleibenden Tonnen Explosionsmaterial sind noch da, und die Instabilität nimmt zu. Das Gift, das aus der alten Munition austritt, versickert im Boden. Färbemittel, das man ins Wasser gibt um zu verstehen, ob kontaminiertes Wasser ins Grundwasser fliesst, verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Als Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission im Nationalrat hatte ich Gelegenheit, vor Ort zu besichtigen, wie nun die Aufräumarbeiten gestartet werden. Zentimeter für Zentimeter wird der Schuttkegel von Explosionsfachleuten in schwerem Schutzmaterial abgetragen um zu verstehen, in welchem Zustand die Munitionsreste sind. Schicht für Schicht soll der Berg sorgfältig abgetragen werden, damit das Explosionsmaterial entsorgt werden kann, ohne in die Luft zu gehen. «Umsetzen», nennt sich das in der Fachsprache, habe ich gelernt.

Weil die Arbeit so gefährlich ist, können viele im Dorf währenddessen nicht dort wohnen. Die Arbeiten dauern rund 20 Jahre. Nach 75 Jahren muss im Dorf also eine nächste Generation für die Unachtsamkeit beim Bau dieses Munitionslagers zahlen. Bis auf Einzelne haben sich alle darauf eingelassen, dass sich ihr Leben grundlegend verändern wird – wie so oft in Menschenleben. Zugegebenermassen, in der wohlhabenden Schweiz geschieht das weniger häufig als anderswo, wo man nicht als Normalzustand erwartet, sämtliche Lebensumstände unter Kontrolle zu haben.

Die Projektarbeiten über die 20 Jahre kosten auch Geld: durchschnittlich 80 bis 120 Millionen pro Jahr, je nachdem, was man im Felsen an weiteren Hindernissen vorfindet. Und dennoch wäre es nicht fair, diese Altlast erneut an die nächsten Generationen weiterzugeben. Wir müssen Verantwortung dafür übernehmen, welche Lasten wir in die Zukunft mitgeben.