Schnäu luege

Ich sitze im Bus und schaue raus. Es gibt viel zu sehen, Amüsantes zu beobachten, oder man lässt den Blick schweifen und hängt den inneren Gedanken nach. Teilweise fährt der Bus fast im Schritttempo an den Leuten vorbei. Auch diese schauen, oder beobachten, oder hängen, nicht sehend, den inneren Gedanken nach. Manchmal treffen sich die Blicke. Sehe ich jemanden mit schweifendem, den inneren Gedanken nachhängendem Blick, dann werde ich automatisch zur unbemerkten Beobachterin. Ich stelle mir vor, woran der Mensch rumstudiert, wohin’s geht, und warum. Ich erzähle die Geschichte, der Mensch wird zur Erzählfigur. Aber in anderen Momenten treffen sich zwei aktive, schauende Blicke. Dann entsteht ein Kontakt. Es kann ein freundlicher Kontakt sein, ein gleichgültiger, ein erforschender. Man guckt vielleicht nochmal etwas genauer: kenne ich dieses Gesicht? Will mir hier jemand etwas sagen? Wer lächelt zuerst? Sowieso, was sind eigentlich die Regeln von anschauen und lächeln? Vor einer Weile wurden in den Medien ein paar Expats zitiert, die sich beklagten, die Schweizer und Schweizerinnen würden sie zu lange anstarren und das sei unhöflich. Aber nicht doch! Ein gehaltener Blick ist ein Angebot. Bin ich zu scheu, oder nicht interessiert, dann schau ich weg. Bin ich zudem höflich und freundlich, lächle ich kurz bevor ich wegschaue. Wenn ich lächle und zurück schaue, dann ist ein Erstkontakt entstanden. Ist doch ganz leicht!

In dieser Kolumne schaue ich mich in Bern um, und ihr schaut mit. Und zurück, wenn ihr mögt.

Diesen Beitrag habe ich für den BärnerBär geschrieben, wo ich meine Gedanken seit 2017 zuerst als Stadträtin dann als Nationalrätin regelmässig als Kolumne veröffentlichen darf. Hier findest du weitere Kolumnen.