Streitkultur

Ein Parteifreund gestand mir mal, sein politisches Amt hätte ihm etwas gelernt, was er früher gar nicht so richtig gekonnt habe: nämlich streiten. Eine erstaunliche Aussage.  

Diesen Beitrag habe ich für den BärnerBär geschrieben, wo ich meine Gedanken seit 2017 zuerst als Stadträtin dann als Nationalrätin regelmässig als Kolumne veröffentlichen darf. Hier findest du weitere Kolumnen.

Und doch eindrücklich, ich habe sie nicht mehr vergessen. Wenn wir in einem demokratischen System darum streiten, was denn der beste Weg wäre, uns als Gesellschaft zu organisieren, bekommt man Routine bei etwas, was in persönlichen Beziehungen viel schwieriger ist: nämlich die Sache von der Person zu trennen.  

Bloss, weil man anderer Meinung ist, heisst es ja noch lange nicht, dass die Person im Grundsatz böse Absichten hat. Es ist eine Bereicherung, Streitpartner in ihrem Anliegen ernst zu nehmen und ihnen zuzugestehen, dass sie vielleicht auch das Beste im Sinn haben. Die Debatte in der Demokratie hilft uns anzuerkennen, dass es vielleicht einen legitimen Grund für eine Position gibt.  

Man kann eigentlich davon ausgehen, dass politisch Engagierte deshalb ihre Freizeit für die Demokratie einsetzen, weil sie der Meinung sind, dass ihre Haltung zu etwas Besserem führt – oder etwas Gutes bewahren soll. Oft liegen die Unterschiede weniger im Grundansinnen, sondern im Weg dazu. Die Kunst liegt darin, in einem Sachgeschäft die eigentlichen Anliegen herauszuschälen und dann zusammen den Weg zu entwickeln, der den verschiedenen Sichtweisen gerecht wird.  

Eine kluge Person nannte das «Lösungsverantwortung übernehmen». Das ist vielleicht manchmal aufwändig, und oft komplexer als der einfachste Weg. Aber wahrscheinlich besser, schon nur weil man den Weg zusammen gegangen ist.  

Das liegt im Herz der Schweizer Demokratie. Sie wurde gebaut, um die Macht zwischen verschiedenen Sichtweisen zu verteilen, sie lebt vom Kompromiss und hält die Gesellschaft zusammen. Sie verlangt von uns, dass wir uns mit Respekt streiten. 

Wenn wir uns in Streitkultur üben, geht es nicht ums Gewinnen, sondern darum, eine bessere Lösung zu finden, als wenn sich eine einzige Sichtweise unwidersprochen durchsetzt.